Roman, Rock, Comic und Film: Innovative Ansätze in der auslandsgermanistischen Literaturdidaktik

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Abstract

Die vorliegende Dissertation beschäftigt sich am Beispiel der Universität Tampere mit dem Problem, wie zeitgemäßer Literatur- und Kulturunterricht in der auslands- germanistischen Forschung konzipiert und in der Lehre umgesetzt werden sollte bzw. umgesetzt werden kann. Im Anschluss an die aktuelle Fachdiskussion, die immer wieder fordert, dass ein zukunftsfähiger universitärer Literatur- und Kulturunterricht den Anforderungen von Praxis- und Gegenwartsbezug, von Anwendbarkeit und Problemorientierung gerecht werden muss, wird nach dem gesellschaftlichen Stellenwert von Literatur (und Kultur) sowie nach der Auswahl von Werken, die zu thematisieren und zu lesen wären, gefragt sowie nach den Zielen und Formen der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit künstlerischen Werken. Empirisch geklärt werden die Fragen, welche Formen von Literatur heutige Studierende als Lerngegenstände favorisieren, welche Lernformen sie bevorzugen und welche Art von neuartigen Leistungsnachweisen sie wünschen. Pars pro toto wird ferner an erfolgreich durchgeführten Lehrforschungsprojekten dargestellt, wie zukunftsfähiger Literatur- und Kulturunterricht geplant, durchgeführt und ausgewertet werden kann. Dabei wird im Einzelnen ausgewiesen, welche Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten in solchen Lehrveranstaltungen die Studierenden erarbeiten und sich aneignen bzw. vermittelt werden können.

Die Arbeit besteht aus einer Zusammenfassung sowie sechs wissenschaftlichen Artikeln, die in den Jahren 2017 bis 2021 in Konferenz- und Sammelbänden oder Fachmagazinen erschienen sind. Die Nennung der Artikel in der Liste der Originalpublikationen (I–VI) erfolgt in der chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens. Ihre Behandlung in der Zusammenfassung geschieht jedoch nach Gesichtspunkten der thematischen Endfaltung, vom literarischen Text (im engeren Sinne), über Paratexte belletristischer Werke, Literaturverfilmungen und Filmfassungen im Vergleich, hin zu Comic und Rocklyrik. Die Zusammenfassung gibt dabei nicht nur in geraffter Form wieder, was in den einzelnen Artikeln ausführlich nachzulesen ist, sondern zeigt Zusammenhänge und Verbindungslinien auf, ergänzt und rekapituliert, nicht zuletzt, um eine internationale Vergleichbarkeit zu ermöglichen und somit als Anregung für Kolleg(inn)en an anderen Standorten zu dienen. Abschließend wird auch kurz der Frage nachgegangen, warum Literatur im Studium eines bestimmten Sprach- und Kulturraums im Grunde als unverzichtbar erscheint.

Der Artikel von 2020 (IV) evaluiert den Einsatz eines zeitgenössischen Jugendromans in einem Kurs Gegenwartsliteratur, ohne einen belletristischen Text mit Studierenden bloß interpretieren zu wollen, sondern unter Fragestellungen seiner Didaktisierung, (journalistischen) Kritik oder möglichen Translation. Insbesondere die Frage der potenziellen Übersetzung von Realien erwies sich dabei als ‚Augenöffner‘ für all das, was in einem Text mitschwingt, mitzulesen ist und an Vorwissen vorausgesetzt wird oder nachträglich erarbeitet werden muss. Die Ergebnisse verstehen sich als Plädoyer für die Auseinandersetzung mit aktuellen, gegenwartsbezogenen und übersetzungsrelevanten (belletristischen) Texten unter Verzicht auf einen starren Kanon vermeintlicher Klassiker früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Ein erster Artikel von 2019 (III) beschäftigt sich mit literarischen Paratexten, mit Laien-Rezensionen zu finnischen Romanen in deutscher Übersetzung, und ihrem (inhaltsanalytischen) Vergleich mit Rezensionen des traditionellen Feuilletons, erprobt in einem Kurs Literaturkritik mit der Absicht, die Welt der Einzeltexte zu verlassen und den Literaturbetrieb mit seinen verschiedenen Akteuren und Mechanismen als solchen zu erkennen und somit den engen Blick auf Literatur als Kunst um den Blick auf Literatur als veräußerbare Ware und Gebrauchsgegenstand zu erweitern.

Ein weiterer Artikel von 2019 (II) hat den Einsatz von Film resp. Literaturverfilmungen zum Thema und erörtert, wie der (insbesondere für Sprachlerner) leichtere Zugang über die Kunstform Film mit sinnvollen Leseaufgaben zu alten Originaltexten verbunden werden kann. Die Verfilmung wird dabei als eine Form der Wertschätzung von (textgebundener) Literatur gesehen, insofern i.d.R. nur besonders erfolgreiche belletristische Werke Verfilmungen und weitere mediale Transformationen erfahren.

In der Überzeugung, dass Literatur mehr ist als bedrucktes Papier zwischen zwei Buchdeckeln, sondern all das umfasst, was vielschichtig und interpretierbar ist und nicht bloß zu pragmatischen Informationszwecken rezipiert wird, werden hier auch Kunstformen wie Film oder Comic der Literatur zugerechnet. Der Artikel von 2017 (I) nimmt sich eines humoristischen Stoffes an, der in Finnland wie in Deutschland eine je eigene Verfilmung erfahren hat und interessante Möglichkeiten des Filmvergleichs eröffnet. Die beiden Filmfassungen, mehrfach Gegenstand in unterschiedlichen Unterrichtskontexten – vom Schreibanlass bis zur studentischen Filmanalyse – , werden mithilfe ausführlicher Szenenprotokolle und im Abgleich mit bekannten Raumtheorien analysiert und Wege einer philologischen Auseinandersetzung mit Film aufgezeigt.

In eine ähnliche Richtung geht ein Artikel von 2021 (VI), insofern hier die Analyse von biografischen Comic-Geschichten mithilfe eines comic-spezifischen Begriffsapparats unternommen wird. Initiiert wurde diese Arbeit durch die Lektüre der Werke mit Studierenden in einem Kurs Deutsche Geschichte(n) im Comic. Die Analyse geht Fragen der unterrichtlichen Einsetzbarkeit und möglicher Zielgruppen zweier herausragender Comic-Bände zum Thema Mauerfall und DDR-Vergangenheit nach.

Im letzten Artikel von 2021 (V) geht es um Songtexte, die im Zentrum eines Kurses zur Intertextualität in der Rocklyrik der Gruppe Rammstein standen. Über das interessante Phänomen der Intertextualität hinaus ging es dabei um die Auswertung studentischer Vorträge vor einem authentischen Publikum. Literatur und ihre Interpretation wurden hier zum Vehikel für das Einstudieren berufsfördernder Kompetenzen wie Präsentieren und öffentliches Auftreten. Gezeigt wird hier, wie solche Aufgaben gewinnbringend und motivationsfördernd unter dem Schirm von Literaturunterricht erfolgreich angewandt werden können.

Die gesammelten Ergebnisse indizieren die Abkehr von einem bildungsbürgerlichen (nationalen) Literaturkanon starrer Prägung bei Präferierung exemplarischen Arbeitens anhand zeitgenössischer Literatur (bzw. zeitloser Literaturklassiker in modernen Adaptionen), unter Verwendung eines weiten Literaturbegriffs, der auch Film, Comic, Rocklyrik u.v.a. umfasst, mit Methoden, Analyseverfahren und Aufgabenstellungen, die berufsbezogen und motivierend projektgebunden sind und vielfache Anknüpfungspunkte zur außeruniversitären Welt aufweisen.
Original languageGerman
Place of PublicationTampere
ISBN (Electronic)978-952-03-2407-0
Publication statusPublished - 2022
Publication typeG5 Doctoral dissertation (articles)

Publication series

NameTampere University Dissertations - Tampereen yliopiston väitöskirjat
Volume602
ISSN (Print)2489-9860
ISSN (Electronic)2490-0028

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